Bernulf der Berserker, der eigentlich Bernd Wiegand hieß, setzte das mächtige Trink-horn an seinen Mund, legte den Hals in den stierartigen Nacken, um sodann einen kräftigen Schluck Met in den Schlund zu kippen. Bedächtig setzte er das leere Gefäß wieder ab von den breiten fischigen Lippen, stellte es etwas ungeschickt zurück in die Halterung auf dem rustikalen, hölzernen Küchentisch, um zur Tat zu schreiten. Seine dicken, kräftigen Wurstfinger angelten nach dem Küchenradio und drückten einen Knopf. Die CD mit dem melodischen Folk-Metal-Geschrabbel setzte sich in Bewegung und schlagartig pulsierte die Küche. Man könnte auch sagen, der Krach war ohrenbetäubend. Entschlossen griff er nach der Kriegsaxt auf dem Tisch, deren Knauf mit germanischen und keltischen Runen verziert war. Sie bildete eine Einheit mit seinen kräftigen Oberarmen, die über und über mit Tätowierungen übersät waren, ja keinerlei freien Fleck Haut mehr freizugeben schienen. Seinen mächtigen Wikingerhelm hatte er schon seit dem morgendlichen Geschäft auf der Rübe. Sein ledernes Armband trug er auch unter der Dusche. Die wenigen Tropfen Fliegenpilz-Tollkirschen-Essenz, deren näherer Produktionsprozess hier nicht weiter erwähnt werden sollte - aber für den Bernulf viel Zeit aufbrachte und womit er sich schon mehr als einmal ordentlich vergiftet hatte, beigemischt im süßen Met, verfehlten ihre Wirkung nicht. Bernulf stieß einen kräftigen, tiefen, furchteinflößenden Kampfschrei aus, der den übrigen Männern der Helden-WG auch nach Jahren des Zusammenlebens in einer unfreiwilligen Hausgemeinschaft durch Mark und Bein fuhr. Nun ja, eigentlich war es eher ein Geräusch, das sich nach einer quiekenden, abgestochenen Sau anhörte. Und manch der besagten übrigen Männer konnte nicht unterscheiden, ob der Wüterich gerade in den Krieg zog oder mit einer seiner weiblichen Wacken-Bekanntschaften Sex hatte.
Das war das Zeichen für seine Kampfgenossen - auch Mitbewohner genannt. Seit Tagen hatte das Heldentrio die feindliche Armee unauffäliig begleitet und ausspioniert, bereit die Übermacht des riesigen Heeres an einem günstigen Punkt in den Hinterhalt zu locken oder zumindest Teile dieser Armee unter Ausnutzung des Heimvorteils empfindlich zu treffen. Guerilla-Taktik par excellence. Naja eigentlich war das mit dem Haudruff Bernulf nicht möglich. So wirklich viel verstand er nicht von Strategie und Taktik, bei ihm konnte man auch nur schwerlich von Kriegshandwerk reden, er war eher derjenige, der „sieben auf einen Streich“ brüllte und Orks wie Streichhölzer fällte. Ein rascheln in der Nähe des Küchenregals, ein Schaben an der Tapete. Die dichten Baumkronen des mächtigen Waldes verschluckten die ohnehin lautlosen Bewegungen des hageren elfischen Bogenschützen Alarion, Sohn des Allacava vom Stamm der Waldelfen. Sein grünes Gewand mit dem ledernen Mieder darüber verschmolz zu einer perfekten Einheit mit der grässlichen 70er Jahre Tapete, die schon unzählige Schlachten mehr oder weniger gut überstanden hatte. Er legte den Bogen an, ein Pfeil sauste durch die Luft, er war weniger zu sehen als durch den Luftzug zu spüren, von Hören konnte angesichts der anhaltenden donnernden Kriegsbeschallung aus dem CD-Player ohnehin keine Rede sein. Zielsicher bohrte sich das Geschoss in die korkige Pinnwand mit der handgefertigten Einladung in Form einer Schatzkarte. Verdammt, er hatte sein Ziel nur knapp verfehlt, sie mussten die Orks zurückdrängen, die ihre Wohnstädte plünderten und Böses über den friedlichen Wald brachten, ihr Wild jagten und Bäume fällten, um daraus Kriegsgerät und Folterinstrumente herzustellen. Alarion aka Aaron Bruchegger fischte einen weiteren Pfeil aus dem Köcher auf seinem Rücken, kniff die Augen zusammen und legte an. Sein zartes Gesicht verwandelte sich in eine Fratze, als er allerlei derbe Sprüche gegen die Orks ausspie: „Ihr nichtsnutzigen, grobschlächtigen Kreaturen mit den Gesichtern einer Wildsau, ihr bepelzten Bastarde, euch werde ich mit Pfeilen spicken. Euer dreckiges Orkblut wird die Tapete tränken, darauf könnt ihr euch verlassen, bei meinem Vater dem mächtigen Allacava.“ Das Getöse aus dem CD-Player setzte zu einer Pause an, da erschollen Fanfaren und Funken sprühten aus der Zauberstab-App, als Wanja Meisner, den sie hier nur Vanhill Tyroseus den Grauen nannten, pathetisch in die Küche schritt. Ein Geruch von Mottenkugeln und Lavendel, gepaart mit Schwarzpulver machte sich breit. In der rechten, sehnigen Hand hielt er einen mächtigen Magierstab aus einem schweren, dunklen Holz, der mit Verzierungen versehen war und um den sich eine Schlange wandt. Der Kopf der Klapperschlange, aufgerichtet, zum Angriff bereit, bildete den imposanten Abschluss des Stabes, funkelnde Augen aus billigen Diamant-Imitaten aus dem 1,-Euro-Shop an der Ecke kröhnten das Ganze. Mit dem Auftauchen hatte Vanhill unbemerkt für einen Musikwechsel gesorgt und feierlich, reißerische Fantasy-Film-Musik untermalte die apokalyptische Schlacht der drei Waffenbrüder gegen die Feinde. Bernulfs Kriegsaxt fuhr durch die herantrampelnden Orkhorden wie ein scharfes Brotmesser durch das Brötchen vom Vortag. Ork um Ork wurde dahingerafft, zumal das Auftauchen des Magiers auch ihnen nicht verborgen blieb. Vanhill murmelte einige Formeln, Gewürze purzelten aus dem Küchenregal. Einige Orks gerieten in Panik. Bernulf, Alarion und Vanhill standen nun umringt von dreckigen Orkgeschmeiß Rücken an Rücken und taten, was sie als Helden am besten konnten, sich tapfer in die Schlacht stürzen und ihr kriegerisches Handwerk zelebrieren.Vanhills Magier-App schoss Blitz und Donner, Feuerfontänen regneten auf die feindlichen Kreaturen und versengten ihnen den zotteligen Pelz.
Trotz der angespannten Situation schwelgte Vanhill Tyroseus der Graue versonnen in Erinnerungen über ihr erstes Zusammentreffen, der Besiegelung ihres Bündnisses, ihrer Schicksalsgemeinschaft im Kampf gegen das Böse, das Ausrufen ihrer Wohngemeinschaft zur Erhaltung von alten Traditionen, dem gemeinsamen Kampf für das Licht - und wenn mal wieder jemand vergaß die Stromrechnung zu zahlen, war das ganz wörtlich zu nehmen und natürlich dem gemeinsamen Jagen und Sammeln, Tafeln und Feiern. Vor zwei, nein drei Lenzen hatten sie sich auf einem Mittelalter-Festival mit Live Action Role Playing kennengelernt. Stundenlang am Feuer gesessen und von ihren Heldentaten geprahlt. Bernulf hatte ihm stolz die Geschichten hinter seinen Tattoos erläutert und er hatte die neusten Magier-Apps präsentiert. Sie hatten das Gefühl sich schon sehr lange zu kennen, zwischen sie passte kein Blatt Papier. Alarion war kurze Zeit darauf zu ihnen gestoßen und er hatte Kontakt zu Saphira - einer studierten Elfin. Sie war es gewesen, welche die drei schließlich auf die freiwerdende Wohnung im etwas heruntergekommenen Altbau unweit der Sternschanze aufmerksam gemacht hatte, in welchem sie mit ihrer Amazonen-WG hoffierte. Ein herantrampelnder Kriegsoger von Orks an Ketten herbeigezerrt, forderte nun wieder seine Aufmerksamkeit, denn auch bei Helden geht nicht alles en passant vonstatten. Vanhill murmelte uralte Formeln und begann dann zu schreien: „Weiche du Kreatur der Hölle.“ Alarion verschanzte sich hinter dem Küchentisch, um einen besseren Überblick zu erhalten. Bernulf tänzelte wie ein Bär auf der Suche nach Honig um den Oger und versuchte mit seiner Axt die mächtigen Beine der Kreatur zu treffen. Dabei gelang ihm das Kunststück Vanhill trotzdem noch einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Der Magier kannte diesen Blick nur zu gut, er sollte sich besser konzentrieren. Blitze schlugen in den Riesen ein und der Oger wandte sich brüllend und grunzend hin und her. Die unblaubliche Muskelmasse war angespannt bis zum Zerreißen und drohte die Ketten zu sprengen. Vanhill materte das tonnenschwere Ungetüm mit blauen Blitzen aus seiner Smartphone-App, er traf den Oger und ließ nicht mehr von ihm ab. Wie ein Elektroschocker versah sein Mobilephone seinen Dienst. Immer neue Blitze umzüngelten den Oger. Es roch nach verbrannten Haaren, der schmorende, sengende Geruch untermalte die Schlacht. Nur Vanhills Finger versagten irgendwann und die Kontrolle entglitt ihm. Ein Lichtstrahl schoss in die Deckenbeleuchtung der Küche und Scherben regneten auf das Schlachtfeld wie Konfetti. Glücklicherweise hatten sie nicht nur einen Deckenstrahler, sondern wesentlich mehr. Dann traf ein Pfeil des Elfen das Ungetüm mitten an der Stirn und mit einem ungläubigen Blick und einem letzten röhrenden zunehmend ins Grunzen übergehenden Brüllen kippte der Oger nach hinten weg und prallte auf den durchpflügten Linoleum-Boden. Die Orks sausten mit ihren Ketten wie an einem Kettenkarussell durch die Luft und klatschten wie Fliegen an der Windschutzscheibe gegen die Wände und Schränke der altbackenen, geschmacklosen Einbauküche im Stil Eiche rustikal - hier allerdings in der Billigvariante Eiche-Furnier. Vanhill konnte im letzten Augenblick einem Speer ausweichen, mit dem ihn ein Ork zu Schaschlik verarbeiten wollte. Die Schlacht war einfach episch und schien nicht enden zu wollen. Da ging die Sonne auf. Aber nicht langsam, sondern mit einem Lichtblitz aus gefühlt zwei Megawatt einer riesen Flutlichtanlage wie auf Schalke, für die etwas lichtempfindlichen Orks explodierte eine Atombombe am Horizont. In Wirklichkeit war es nur die Deckenlampe der Küche mit 230 Volt in Form mehrerer Glühbirnen - nebenbei gesagt die Letzten, die es vor dem Glühbirnenverbot im Discounter noch zu erkämpfen gab. Der in der Schlacht zerstörte Strahler fiel absolut nicht ins Gewicht. Die olle Funzel in Holzoptik, verziert mit schmiedeeisernen Ketten war ein Stromfresser, ein Drache unter den Elektrogeräten, den sie eigentlich nie weckten. Mit einem Mal war alles so gedämpft, die Musik quäkte jetzt erbärmlich. Die Orks zogen sich wimmernd zurück. In der Küchentür zeichnete sich eine Silhouette ab, ein hochgewachsener, elfenhafter, femininer Umriss. Bedrohlich, aufrichtig, stark und be-stimmend. Wie versteinert standen die drei Bewohner der Helden-WG im Raum und blickten erwartungsvoll zur Tür. Die Frau konnte man ohne Umschweife als schön be-zeichnen. Lange, glatte Haare verschmolzen mit dem goldgelben Lichtschein aus der Küchenleuchte, sie hatte etwas von einer Elfen-Königin. Streitbar schien sie darüber hinaus auch zu sein, in ihrer fast schon zerbrechlich zarten Hand hielt sie einen schweren Gegenstand, bereit diesen gegen die fliehenden Orks einzusetzen. „Mein Gott könnt ihr mich nicht einmal normal zum Essen einladen und das Wildfleisch zubereiten ohne die Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln?“, stöhnte Saphira, die Nachbarin aus der Amazonen-WG und stellte die schwere Einkaufstasche ab.
Die Kurzgeschichte wurde als Wettbewerbsbeitrag zur Ausschreibung "Die Helden-WG (3 Zimmer, Küche, Axt)" des ohneohren Verlag im Juli 2016 eingereicht, konnte sich aber nicht durchsetzen.
Das war das Zeichen für seine Kampfgenossen - auch Mitbewohner genannt. Seit Tagen hatte das Heldentrio die feindliche Armee unauffäliig begleitet und ausspioniert, bereit die Übermacht des riesigen Heeres an einem günstigen Punkt in den Hinterhalt zu locken oder zumindest Teile dieser Armee unter Ausnutzung des Heimvorteils empfindlich zu treffen. Guerilla-Taktik par excellence. Naja eigentlich war das mit dem Haudruff Bernulf nicht möglich. So wirklich viel verstand er nicht von Strategie und Taktik, bei ihm konnte man auch nur schwerlich von Kriegshandwerk reden, er war eher derjenige, der „sieben auf einen Streich“ brüllte und Orks wie Streichhölzer fällte. Ein rascheln in der Nähe des Küchenregals, ein Schaben an der Tapete. Die dichten Baumkronen des mächtigen Waldes verschluckten die ohnehin lautlosen Bewegungen des hageren elfischen Bogenschützen Alarion, Sohn des Allacava vom Stamm der Waldelfen. Sein grünes Gewand mit dem ledernen Mieder darüber verschmolz zu einer perfekten Einheit mit der grässlichen 70er Jahre Tapete, die schon unzählige Schlachten mehr oder weniger gut überstanden hatte. Er legte den Bogen an, ein Pfeil sauste durch die Luft, er war weniger zu sehen als durch den Luftzug zu spüren, von Hören konnte angesichts der anhaltenden donnernden Kriegsbeschallung aus dem CD-Player ohnehin keine Rede sein. Zielsicher bohrte sich das Geschoss in die korkige Pinnwand mit der handgefertigten Einladung in Form einer Schatzkarte. Verdammt, er hatte sein Ziel nur knapp verfehlt, sie mussten die Orks zurückdrängen, die ihre Wohnstädte plünderten und Böses über den friedlichen Wald brachten, ihr Wild jagten und Bäume fällten, um daraus Kriegsgerät und Folterinstrumente herzustellen. Alarion aka Aaron Bruchegger fischte einen weiteren Pfeil aus dem Köcher auf seinem Rücken, kniff die Augen zusammen und legte an. Sein zartes Gesicht verwandelte sich in eine Fratze, als er allerlei derbe Sprüche gegen die Orks ausspie: „Ihr nichtsnutzigen, grobschlächtigen Kreaturen mit den Gesichtern einer Wildsau, ihr bepelzten Bastarde, euch werde ich mit Pfeilen spicken. Euer dreckiges Orkblut wird die Tapete tränken, darauf könnt ihr euch verlassen, bei meinem Vater dem mächtigen Allacava.“ Das Getöse aus dem CD-Player setzte zu einer Pause an, da erschollen Fanfaren und Funken sprühten aus der Zauberstab-App, als Wanja Meisner, den sie hier nur Vanhill Tyroseus den Grauen nannten, pathetisch in die Küche schritt. Ein Geruch von Mottenkugeln und Lavendel, gepaart mit Schwarzpulver machte sich breit. In der rechten, sehnigen Hand hielt er einen mächtigen Magierstab aus einem schweren, dunklen Holz, der mit Verzierungen versehen war und um den sich eine Schlange wandt. Der Kopf der Klapperschlange, aufgerichtet, zum Angriff bereit, bildete den imposanten Abschluss des Stabes, funkelnde Augen aus billigen Diamant-Imitaten aus dem 1,-Euro-Shop an der Ecke kröhnten das Ganze. Mit dem Auftauchen hatte Vanhill unbemerkt für einen Musikwechsel gesorgt und feierlich, reißerische Fantasy-Film-Musik untermalte die apokalyptische Schlacht der drei Waffenbrüder gegen die Feinde. Bernulfs Kriegsaxt fuhr durch die herantrampelnden Orkhorden wie ein scharfes Brotmesser durch das Brötchen vom Vortag. Ork um Ork wurde dahingerafft, zumal das Auftauchen des Magiers auch ihnen nicht verborgen blieb. Vanhill murmelte einige Formeln, Gewürze purzelten aus dem Küchenregal. Einige Orks gerieten in Panik. Bernulf, Alarion und Vanhill standen nun umringt von dreckigen Orkgeschmeiß Rücken an Rücken und taten, was sie als Helden am besten konnten, sich tapfer in die Schlacht stürzen und ihr kriegerisches Handwerk zelebrieren.Vanhills Magier-App schoss Blitz und Donner, Feuerfontänen regneten auf die feindlichen Kreaturen und versengten ihnen den zotteligen Pelz.
Trotz der angespannten Situation schwelgte Vanhill Tyroseus der Graue versonnen in Erinnerungen über ihr erstes Zusammentreffen, der Besiegelung ihres Bündnisses, ihrer Schicksalsgemeinschaft im Kampf gegen das Böse, das Ausrufen ihrer Wohngemeinschaft zur Erhaltung von alten Traditionen, dem gemeinsamen Kampf für das Licht - und wenn mal wieder jemand vergaß die Stromrechnung zu zahlen, war das ganz wörtlich zu nehmen und natürlich dem gemeinsamen Jagen und Sammeln, Tafeln und Feiern. Vor zwei, nein drei Lenzen hatten sie sich auf einem Mittelalter-Festival mit Live Action Role Playing kennengelernt. Stundenlang am Feuer gesessen und von ihren Heldentaten geprahlt. Bernulf hatte ihm stolz die Geschichten hinter seinen Tattoos erläutert und er hatte die neusten Magier-Apps präsentiert. Sie hatten das Gefühl sich schon sehr lange zu kennen, zwischen sie passte kein Blatt Papier. Alarion war kurze Zeit darauf zu ihnen gestoßen und er hatte Kontakt zu Saphira - einer studierten Elfin. Sie war es gewesen, welche die drei schließlich auf die freiwerdende Wohnung im etwas heruntergekommenen Altbau unweit der Sternschanze aufmerksam gemacht hatte, in welchem sie mit ihrer Amazonen-WG hoffierte. Ein herantrampelnder Kriegsoger von Orks an Ketten herbeigezerrt, forderte nun wieder seine Aufmerksamkeit, denn auch bei Helden geht nicht alles en passant vonstatten. Vanhill murmelte uralte Formeln und begann dann zu schreien: „Weiche du Kreatur der Hölle.“ Alarion verschanzte sich hinter dem Küchentisch, um einen besseren Überblick zu erhalten. Bernulf tänzelte wie ein Bär auf der Suche nach Honig um den Oger und versuchte mit seiner Axt die mächtigen Beine der Kreatur zu treffen. Dabei gelang ihm das Kunststück Vanhill trotzdem noch einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Der Magier kannte diesen Blick nur zu gut, er sollte sich besser konzentrieren. Blitze schlugen in den Riesen ein und der Oger wandte sich brüllend und grunzend hin und her. Die unblaubliche Muskelmasse war angespannt bis zum Zerreißen und drohte die Ketten zu sprengen. Vanhill materte das tonnenschwere Ungetüm mit blauen Blitzen aus seiner Smartphone-App, er traf den Oger und ließ nicht mehr von ihm ab. Wie ein Elektroschocker versah sein Mobilephone seinen Dienst. Immer neue Blitze umzüngelten den Oger. Es roch nach verbrannten Haaren, der schmorende, sengende Geruch untermalte die Schlacht. Nur Vanhills Finger versagten irgendwann und die Kontrolle entglitt ihm. Ein Lichtstrahl schoss in die Deckenbeleuchtung der Küche und Scherben regneten auf das Schlachtfeld wie Konfetti. Glücklicherweise hatten sie nicht nur einen Deckenstrahler, sondern wesentlich mehr. Dann traf ein Pfeil des Elfen das Ungetüm mitten an der Stirn und mit einem ungläubigen Blick und einem letzten röhrenden zunehmend ins Grunzen übergehenden Brüllen kippte der Oger nach hinten weg und prallte auf den durchpflügten Linoleum-Boden. Die Orks sausten mit ihren Ketten wie an einem Kettenkarussell durch die Luft und klatschten wie Fliegen an der Windschutzscheibe gegen die Wände und Schränke der altbackenen, geschmacklosen Einbauküche im Stil Eiche rustikal - hier allerdings in der Billigvariante Eiche-Furnier. Vanhill konnte im letzten Augenblick einem Speer ausweichen, mit dem ihn ein Ork zu Schaschlik verarbeiten wollte. Die Schlacht war einfach episch und schien nicht enden zu wollen. Da ging die Sonne auf. Aber nicht langsam, sondern mit einem Lichtblitz aus gefühlt zwei Megawatt einer riesen Flutlichtanlage wie auf Schalke, für die etwas lichtempfindlichen Orks explodierte eine Atombombe am Horizont. In Wirklichkeit war es nur die Deckenlampe der Küche mit 230 Volt in Form mehrerer Glühbirnen - nebenbei gesagt die Letzten, die es vor dem Glühbirnenverbot im Discounter noch zu erkämpfen gab. Der in der Schlacht zerstörte Strahler fiel absolut nicht ins Gewicht. Die olle Funzel in Holzoptik, verziert mit schmiedeeisernen Ketten war ein Stromfresser, ein Drache unter den Elektrogeräten, den sie eigentlich nie weckten. Mit einem Mal war alles so gedämpft, die Musik quäkte jetzt erbärmlich. Die Orks zogen sich wimmernd zurück. In der Küchentür zeichnete sich eine Silhouette ab, ein hochgewachsener, elfenhafter, femininer Umriss. Bedrohlich, aufrichtig, stark und be-stimmend. Wie versteinert standen die drei Bewohner der Helden-WG im Raum und blickten erwartungsvoll zur Tür. Die Frau konnte man ohne Umschweife als schön be-zeichnen. Lange, glatte Haare verschmolzen mit dem goldgelben Lichtschein aus der Küchenleuchte, sie hatte etwas von einer Elfen-Königin. Streitbar schien sie darüber hinaus auch zu sein, in ihrer fast schon zerbrechlich zarten Hand hielt sie einen schweren Gegenstand, bereit diesen gegen die fliehenden Orks einzusetzen. „Mein Gott könnt ihr mich nicht einmal normal zum Essen einladen und das Wildfleisch zubereiten ohne die Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln?“, stöhnte Saphira, die Nachbarin aus der Amazonen-WG und stellte die schwere Einkaufstasche ab.
Die Kurzgeschichte wurde als Wettbewerbsbeitrag zur Ausschreibung "Die Helden-WG (3 Zimmer, Küche, Axt)" des ohneohren Verlag im Juli 2016 eingereicht, konnte sich aber nicht durchsetzen.
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