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In 15 Minuten kommt der Bus

Die letzten Blätter fielen von den Bäumen, deren kahle Äste jetzt wie Zinken einer Ga-bel in den Himmel stachen. Die schmale, gepflegte Straße mit der steinernen Wegbe-festigung schien erst kürzlich gründlich gekehrt worden zu sein und doch klebten braune, fleckige Laubreste auf der grauen Asphaltdecke, auf der angrenzenden Grün-fläche leuchteten gelbe und rote Lichter im Gras. Die Abendsonne stand tief, ihre Strahlen reichten nicht mehr aus, die wenigen, perfekt geformten Tropfen von den Glasscheiben des Wartehäuschens zu küssen. Es wurde merklich kühler, die Dame mit Hut hatte es eilig, mit festem Schritt steuerte sie den Unterstand an. Fast geräuschlos, den Kopf etwas gesenkt, bemüht den Oberkörper aufrecht zu halten und sich keine Schwäche anmerken zu lassen. Nur ab und zu ließ sich ein summendes, angestrengtes Stöhnen vernehmen. Sie war altmodisch gekleidet, Schichten in Grau und Brauntönen. Vor sich her trug sie eine große Handtasche aus Stoff, geschmückt mit Holzperlen. „Guten Tag Frau Neumaier.“ Sie hielt kurz inne und drehte den Kopf zur Seite. Ein Mann mittleren Alters, mit Vollbart und olivgrüner Arbeitshose hob die sehnige, linke Hand zum Gruß, während die rechte auf dem Rechen ruhte. Vor ihm auf dem Grünstreifen türmte sich ein stattlicher Laubhaufen. Ihr fehlte der Name zum Gesicht, doch schien er nicht bedrohlich. Sie wusste, sie kannte ihn, nein sie fühlte es und doch war es ein Gesicht unter vielen. „Ich bin auf dem Weg nach Hause. Meine kleine Lotte ist doch ganz allein. Bestimmt steht sie auf ihrem Schemel am Fenster und wartet.“ Der nette Mann in der Latzhose nickte verstehend. „Wissen Sie, der Vati arbeitet doch den ganzen Tag und ich muss Besorgungen machen.“ Die Dame studierte den Fahrplan. „In 15 Minuten kommt der Bus. In 15 Minuten kommt der Bus“, murmelte sie. „In 15 Minuten kommt der Bus“, rief sie dem Mann zu und ließ sich umständlich auf der hölzernen, lackierten Bank nieder. Die abgezehrte Alte machte sich an der Handtasche zu schaffen und angelte nach einer gefühlten Unendlichkeit zwei Stricknadeln und rote Wolle aus dem Futteral aus den Tiefen der Handtasche. Die dicklichen, wurstigen, steifen Finger vermochten nicht mehr so richtig die Nadeln zu bedienen, das nasskalte Wetter tat sein Übriges. Dennoch begann Frau Neumaier zu stricken und setzte ihr Tun fort. Ein Opa mit Spazierstock suchte sich klackernd seinen Weg. Deutlich war zu erkennen, an was das greise, fragile Ömchen arbeitete. Wollsocken!  Interessiert beobachtete die Latzhose das Tun. „Für meine kleine Lotte, sie friert doch immer so! Verstehen Sie, ich sage immer, Hessisch-Sibirien`, da braucht es warme Füße!“ Die Nadelköpfe wackelten hin und her, die alten Hände strickten Masche um Masche. Aus der Handtasche strömte unaufhörlich ein Strom an Wolle zu den Nadeln. Einige Maschen später blickte Frau Neumaier auf, erstaunlicherweise hatte sie deutliche Fortschritte gemacht. Wenige Schritte weiter rackerte ein Mann und bemühte sich emsig das Laub zu bändigen. „Junger Mann, wann kommt der Bus?“, rief sie. Der Bärtige hielt inne, lächelte freundlich und verkündete: „In 15 Minuten Frau Neumaier“, um dann schwungvoll die letzten Blätter zusammenzutragen. Oh weh, warum dauerte das so lange. Ihr Gatte war sicherlich noch nicht zu Hause und Lotte wartete schon sehnsüchtig. Ach mein Lottchen bald gibt es Abendbrot und warme Socken stricke ich dir dazu. Wie von selbst arbeiteten sich die Nadeln durch die Wolle, nur kurz kam sie ins Stocken, als ein älterer Herr mit Spazierstock die Straße entlangmarschierte. Tock, tock, tock, so schnell wie das Tocken gekommen war, so schnell wurde es auch wieder von der Umgebung verschluckt.

Mit Einmal begann es Gertrudt Neumaier zu frösteln. Sie warf ihre Stricksachen wirsch  in die Tasche und quälte sich rasselnd in die Höhe. Sie vernahm ein lauter werdendes Tocken, es kam näher. Ein Herr mit Spazierstock kam die Straße entlang und entfernte sich wieder. Frau Neumaier setzte sich in Bewegung, wie eine alte Dampflok nahm sie Fahrt auf. An der Haltestelle vorbei und rechtsrum. Um ein Haar wäre sie mit der klotzi-gen, rosa-fleischigen Frau mit blondem Kurzhaarschnitt zusammengekracht, die schier aus dem Nichts gekommen war. Sie trug trotz der herbstlichen Witterung ein blaues, kurzärmliges Hemd, das spannte und wulstige dicke Arme freigab. Ihr Gesicht passte so gar nicht zu dem schwerfälligen, plumpen Körper, der wie eine Presswurst in einer weißen Hose steckte. Ein freundliches, weiches Gesicht mit zarten, auffällig bemalten Lippen sprach zu ihr in osteuropäischen Akzent: „Frau Neumaier, Ihre Tochter wartet auf Sie!“ „Lotti? Ach Lottchen, meine Lotte!“ Die Tasche wurde ihre abgenommen, Arm in Arm spazierten die beiden Frauen bedächtig auf das Gebäude zu. Es ging durch eine automatische Tür, die klackernd zur Seite fuhr hin zu einem Zimmer mit der Nummer 315. Die Tür war angelehnt und auf dem Bett saß eine hagere, junge Frau. Als das Duo den Raum betrat, sprang sie auf und eilte ihnen entgegen. Frau Neumaiers Blick versteinerte, in ihrer Stimme lag eine Mischung aus Panik und Entrüstung. „Wer sind sie?“ Die Frau im blauen Hemd öffnete unterdessen eine Schublade in der Kommode neben dem Bett und legte die Nadeln mit der fast fertigen Strickarbeit zu den anderen 14 Paaren selbstgestrickter Kindersocken. „Aber Mama, ich bin´s doch, deine Tochter Lotte“, rief die hagere Frau und umarmte sie!

Die Kurzgeschichte wurde als Wettbewerbsbeitrag zur Ausschreibung "Holzhäuser Heckethaler - Der Nordhessische Literaturpreis 2016" zum Thema "Fünfzehn" eingereicht, konnte sich aber nicht durchsetzen.

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